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AUGENZEUGE JOSEF HEMMELMANN ERZÄHLT:


Von links: Name unbekannt, Anna Hemmelmann "Kalchbrönnersch Anna", Andreas Hemmelmann "Kalchbrönnersch Andres", Georg Schäfer, Albert Hemmelmann, Margarete Schreiner, geb. Hemmelmann "Frankfurter Gretl"AUGENZEUGE JOSEF HEMMELMANN,
GENANNT "MINE-SEPP" ERZÄHLT:

"Ich war etwa 14-15 Jahre alt, als ich bei dem Kohlen- und Baustoffhändler Andres Hemmelmann arbeitete. Jedes Jahr ließ er sich unter anderem einen Waggon Perlkoks zum Bahnhof nach Retzbach liefern und lagerte diese Vorräte in einer alten Scheune am Dorfende nach Laudenbach ein. Zum Weitertransport hatte er selbst einen sogenannten "Mistwagen" umgebaut und einen Kastenaufsatz darauf montiert. Diesen Kasten füllten wir mit dem Perlkoks. Oft war auch der Neffe des Kalkbrenners Ludwig Hemmelmann mit von der Partie.
Lag eine Bestellung auf Kalk vor, spannten wir die "Fanni" ein. Die schon sehr betagte schwarze Stute mit einer neckischen weißen Blesse auf der Stirn, zog den beladenen Wagen den Kärnerweg entlang zum Sternberg hinauf. Am Bildstock vom "Gerhard" blieb das Pferd, auch wenn der Wagen unbeladen war, zum ersten Mal stehen. Kein Hü und Hot konnte das Tier zum Weitergehen bewegen. Nach einer geraumen Verschnaufpause setzte sich die kluge alte Pferdedame selbstständig wieder in Bewegung. Jetzt kam das steilste Stück. Etwa 80 Meter weiter blieb Fanni ein zweites Mal stehen. Insgesamt legte sie auf diese Art 7 Ruhepausen ein, bis wir endlich am Ziel, am Kalkofen waren. Dieser war im Hang eingebaut. Oberhalb des Ofens an einem ebenen Platz luden wir den Perlkoks ab. Mit Lesesteinen, die die Bauern an ihren Feldrainen aufgeschüttet hatten, füllten wir nun den Kastenwagen. Größere Steinbrocken mussten wir erst noch klein schlagen. Die rotbraunen Steine nannte man "ächene", die blauen "böcherne Stee". 12 bis 15 Fuhren brauchten wir, um den Ofen damit zu füllen. Damals lagen in der dortigen Flur noch eine große Menge Steine und überall gab es abgeschnittene dürre Hecken und viele Holzkloben und Strünke. Nachdem der Kalkofen in Betrieb war, wurde diese Flurabteilung sauber. Der Ofen selbst war mit Schamottsteinen ausgemauert. Der Eingangsschacht war etwa 4-5 m lang und mit einer starken Türe verschlossen. Hier, am unteren Eingang zum Kalkofen, waren etwa 1,5 m über dem Erdboden 2 Eisenbahnschienenstücke parallel zueinander, seitwärts eingemauert. Quer darüber lagen, mehr oder weniger lose, dicke Eisenstangen als Rost. Auf diesen Rost kam zunächst dürres Heckenreisig, darauf dann einige Buchen- oder Eichenprügel. Die nächste Schicht war ein Korb voll Perlkoks, diesen verteilten wir möglichst gleichmäßig darüber. Der Korb war etwa 30 cm hoch und hatte einen oberen Durchmesser von etwa 40 cm. Der Koks wurde mit 2 aus der Hüfte angesetzten Schwüngen, einmal linksherum und einmal rechtsherum, auf die Brennholzschicht entleert. Nun legten wir die Kalksteine sehr sorgfältig Stück für Stück darauf. In gleicher Weise verteilten wir ebenso akkurat den nächsten gestrichen vollen Korb Perlkoks auf diese Schicht, darüber stellten wir, wiederum Stein neben Stein, die nächsten Lage der Kalksteine. So füllten wir abwechselnd Schicht und Schicht, Perlkoks / Kalkstein, den Ofen bis obenhin. In der Mitte erhöhten wir das Brenngut etwas und legten schräg zur Mitte einige Eisenrohre darüber. Anschließend deckten wir den Ofen mit 2 großen Blechen ab. Damit der Zug reguliert werden konnte, war an einem dieser Bleche ein Türchen angebracht. Am Samstagabend zündete Andres den Ofen von untenher an. Das dürre Dornengestrüpp brannte im Nu lichterloh und setzte die Holzscheite und den Koks in Brand. Der Ofen entwickelte eine ungeheure Hitze und brannte nun etwa 24 Stunden durch. Platzte ein Stein, so knallte es mächtig und hin und wieder flogen auch heiße Brocken durch die geöffnete Blechtüre heraus.


Die Eisenstangen gezogen, das heißt den Ofen entleert, haben wir meist am Montag in der Frühe, wenn der Ofen völlig erkaltet war. Hierzu musste Andres unter den Rost. Diese Arbeit ließ er niemand anderen machen, weil sie viel zu gefährlich war. Die schweren Eisenstäbe lockerte er dann mit einer Brechstange und zog sie von der Auflage, so dass der gebrannte Kalk herabfiel. Das war eine sehr staubige Angelegenheit und der Staub ätzend. Deshalb setzte sich der Kalkbrenner Andres einen breitkrempigen Schlapphut auf und sein Gesicht und den Hals schützte er mit einem breiten Schal. Trotzdem kam er immer, durch die ätzende Staubpartikel gereizt, hustend und prustend aus dem Eingang zum Ofen heraus. Nachdem sich die Staubwolke gelegt hatte, luden wir die gebrannten Kalksteine auf einen Schubkarren, schafften sie zum Wagen und beluden damit den Kasten. Daheim füllten wir eine große Mörtelwanne mit den gebrannten Steinbrocken und ließen anschließend Wasser in die Wanne laufen. Auch dies war eine gefährliche Angelegenheit. Es zischte und brodelte in der Wanne. Die Brocken wurden wieder heiß, bis sie sich schließlich in eine pastöse Masse verwandelten. Vor den Spritzern des Ätzkalks musste man besonders die Augen schützen. Einen großen Eimer gelöschten Kalks verkaufte der Baustoffhändler um 10 Pfennige, der Zentner gebrannter Kalk hat damals 50 Pfennig, später 1 Reichsmark gekostet (um 1929/30). Eine Flasche Bier kostete damals 25 Pfennige. Beim Entleeren des Kalkofens setzte sich jedes Mal eine dicke
Staubschicht unter dem Ofen ab. Diese karrten wir seitwärts auf einen Haufen. Die Bauern durften sich diesen Kalkstaub unentgeltlich abholen, sie brachten ihn als Dünger auf ihre Felder. War Bedarf vorhanden, füllten wir den Ofen 2- bis 3-mal in der Woche. Wie schon erwähnt, war der Umgang mit gebranntem Kalk eine die Gesundheit stark gefährdende Arbeit. Der Verdienst stand in keinem Vergleich zu diesem Risiko. Mit der Erstellung des Portlandzementwerks in Karlstadt war die Nachfrage nach gebranntem Kalk ab Kalkofen nicht mehr gegeben und die Produktion am Kalkofen wurde eingestellt.

Quellennachweis: Chronik der Gemeinde Himmelstadt



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